Bildungszentrum Kössen

Dorf 26, Kössen, Austria
Foto © Gustav Willeit

Am nördlichen Rand des Siedlungskerns von Kössen, dort wo die Straße zur Dreifachturnhalle und zum Altenwohn- und Pflegeheim hinausführte, verdichtet sich das tägliche Leben des Ortes. Zwischen Rathaus, Kirche und Ortsbühne, dem vertrauten Mittelpunkt des Gemeindelebens, entsteht ein neues Haus, das all diese Orte leise miteinander verbinden soll: Das Bildungszentrum Kössen.
Hier werden Volksschule, Kindergarten, Kinderkrippe, Hort und Sporthalle unter einem Dach zusammengeführt. Was auf den ersten Blick wie eine funktionale Bündelung wirkt, ist in Wirklichkeit ein starkes Bekenntnis: Zu einer Bildungslandschaft, die Generationen verbindet und in der Lernen, Spielen, Arbeiten, Ankommen und Verweilen selbstverständlich ineinander greifen.
Das Bildungszentrum versteht sich als neues Herzstück am Rand des Dorfes, als Bindeglied zwischen dem öffentlichen Leben im Zentrum und den angrenzenden Wohnquartieren. Es trägt dazu bei das Bestehende zu stärken und das Zukünftige vorzubereiten: Ein Haus, das für die Gemeinde Kössen räumlich und emotional in die Zukunft weist.

Die Entstehung dieses Hauses ist kein linearer Prozess hinter verschlossenen Türen, sondern ein kontinuierlicher Dialog: zwischen Ort, Nutzer*innen und den Menschen, die das Gebäude bauen. Schritt für Schritt entsteht aus Gesprächen, Vorstellungen und Plänen ein gemeinsames Bild.
Die Projektentwicklung ist bewusst als Abfolge von Phasen angelegt: Zunächst wurden in Nutzergesprächen Bedürfnisse und Alltagsszenarien gesammelt.
Es folgen Entwurfs- und Genehmigungsplanung, Firmengespräche und die Ausarbeitung der Details für die Ausführung.
Jede Phase dient dazu, die architektonische Idee zu schärfen und sie bis in die Materialwahl, die Fügung der Bauteile und die späteren Betriebsszenarien hinein zu tragen.
Die Meilensteine markieren dabei Momente des gemeinsamen Innehaltens: der Wettbewerbsentscheid am 30.08.2022, die Genehmigung am 30.05.2023, der Spatenstich am 16.10.2023, die Firstfeier am 08.08.2024 und schließlich die Eröffnung am 26.09.2025. Hinter diesen Daten stehen viele Gespräche, Entscheidungen und Vertrauensbeweise und das langsam wachsende Bewusstsein, dass hier ein Haus entsteht, das die Gemeinde über Jahrzehnte begleiten wird.

Am Anfang steht der Blick auf das, was schon da ist: Die traditionellen Dorf- und Bauernhäuser von Kössen erzählen von einem robusten, ruhigen Bauen.

Ein weit auskragendes Dach schützt den Baukörper, Holzverkleidungen fassen die Volumen ein, Balkone bilden prägnante horizontale Linien, oft farbig gefasst und reich verziert.
Kleine, sorgfältig gesetzte Öffnungen schneiden sich präzise in die Fassade.
Darunter fallen immer wieder geometrische Dekorationen ins Auge: Muster, die durch das Bearbeiten, Färben und Verlegen von Holz entstehen. Nicht laut, aber präsent.
Diese Bilder werden nicht einfach übernommen, sondern in ein Konzept für das Bildungszentrum übersetzt:
Nach außen Robustheit und Bodenständigkeit, nach innen Atmosphäre und Sinneshaptik.
Wie die großen, schweren Bauernhäuser soll das Bildungszentrum im Ortsbild eine unaufgeregt, selbstverständliche Präsenz entfalten. Gleichzeitig öffnet sich im Inneren ein Raum, der Unterricht, Spiel, Bewegung und Rückzug trägt, mit Materialien „zum Anfassen“, mit Oberflächen, die altern und dadurch reifen dürfen, mit Raumfolgen, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Ruhe schenken.

Das Bildungszentrum ist als vielschichtige Raumlandschaft angelegt. Verschiedene Altersgruppen, unterschiedliche Tagesrhythmen und Bedürfnisse treffen hier aufeinander, und finden doch je eigene Bereiche und ihre Daseinsberechtigung.
Kindergarten, Schule und Hort verfügen über jeweils eigene Eingänge, die sich alle auf einen gemeinsamen, überdachten Vorplatz orientieren. Dieser Vorplatz bildet nicht nur den funktionalen Verteiler, sondern die gemeinsame Adresse des Hauses: Hier kommen Kinder morgens an, Eltern verabschieden sich, Lehrpersonen und Pädagog*innen begegnen sich, geschützt, aber offen zum Ort und im Austausch miteinander.
Die Setzung der Baukörper erzählt diese Geschichte: Der dreigeschossige Schulbau verlängert die bestehende Hauptachse und markiert den Abschluss des Siedlungsgefüges. Der zweigeschossige Kindergarten knüpft in seiner Höhe an die Dreifachturnhalle an und bildet mit ihr ein Gleichgewicht. Der eingeschossige Hort nimmt schließlich den Maßstab der benachbarten Wohnhäuser auf und vermittelt sanft hinüber ins Wohnquartier.
Die abgestufte Höhenentwicklung gliedert zugleich die Außenräume: Es entstehen Plätze, Gärten und Spielbereiche, die sich immer wieder neu bespielen lassen.

Innen und Außen sind nicht als getrennte Welten gedacht das Raumgefüge wird zu einer offenen Bildungslandschaft, in der Wege, Blickachsen und Freiräume selbstverständlich ineinandergreifen.
Denn auch im Inneren verbindet das Gebäude zwei scheinbare Gegensätze: Autonomie und Gemeinschaft. Jeder Bereich bleibt funktional eigenständig, mit klar zugeordneten Räumen und Abläufen. Gleichzeitig ermöglichen interne Verbindungen, Blickbeziehungen und Übergangszonen immer wieder Begegnung, zwischen Klassen, zwischen Kindergarten und Schule, zwischen den Altersgruppen.
Farb- und Fassadenkonzept: „Farben aus dem Dorf“
Auch die Farbigkeit des Hauses ist eng mit Kössen verknüpft. Statt vieler Töne wird ein bewusst reduziertes, klar lesbares System entwickelt: Drei Hauptfarben strukturieren die äußere Erscheinung und geben dem Gebäude eine ruhige, wiedererkennbare Identität, ohne in Folklore zu kippen.
Die grün lasierte Holzfassade aus heimischem Nadelholz bildet die Basis, eine Art schützende Hülle mit vertrauter Anmutung. Darunter liegen die gelben Untersichten der Vordächer, die zusammen mit dem gelben Sonnenschutz und den roten Seitenflügeln der Vordächer präzise gesetzte Akzente bilden.

Farbe wird so zu einem Mittel der Ordnung und Orientierung: Fassade, Vordach und Sonnenschutz beginnen, wie eine klare Zeichnung zu wirken, an der sich der Alltag der Kinder ausrichten kann.
Die Außenhaut ist gleichzeitig als langlebige, betrieblich robuste Konstruktion konzipiert. Die Holzfassade ist so gewählt und behandelt, dass sie UV-beständig ist, farbstabil altert, nach Regen rasch abtrocknet und mit einem minimum an Pflege betrieben werden kann. Die Möglichkeit, die Oberfläche zu einem späteren Zeitpunkt ohne Schleifen und Grundierung aufzufrischen, gehört ebenso zur Strategie wie der Erhalt der „atmenden“ Eigenschaften des natürlichen Materials. So wird der Anspruch der bodenständigen Robustheit nicht nur gestalterisch, sondern über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes eingelöst.

Im Inneren setzt sich diese Haltung fort. Statt vieler Materialien gibt es einen klaren Kanon, der konsequent durchgezogen wird. Fast alle Oberflächen und Einbauten bestehen aus natürlichen, regionalen bis lokalen Materialien, die möglichst roh und ursprünglich eingesetzt werden.
Es ist ihnen ausdrücklich erlaubt, zu altern und zu reifen. Das Gebäude darf Gebrauchsspuren aufzeigen und wiedergeben, wie es in Beschlag genommen wird. In Haptik, Geruch und Farbgebung wird es mit der Zeit sein Gesicht verändern. So entsteht eine sicht- und spürbare Beziehung zwischen der Nutzerschaft und der Architektur, eine Geschichte, die im Material eingeschrieben ist.
Diese Grundhaltung beschreiben wir, pedevilla Architekten als „Wirkung & Absicht“: Der Einsatz von naturnahen, massiven, unbehandelten Materialien; Die Anregung der Sinneshaptiken: Fühlen, Tasten, Riechen, Anschauen und einer Langlebigkeit, die das Altern als Qualitätsgewinn versteht.
Die Grundmaterialien sind klar definiert:
Holz (Weißtanne), als Massivholz für Böden und Möbel, bildet in Klassen- und Gruppenräumen den haptischen Grundton. Die warmen, hellen Oberflächen erzeugen Geborgenheit und sind so gewählt, dass sie mit jeder Berührung und jeder Nutzung an Ausdruck gewinnen.
Putz (Kalkputz) wird als geglätteter Kalkputz, unter anderem mit recyceltem Ziegelzuschlag, auf Wänden und Decken angebracht. Es entstehen Oberflächen, die berühren und berührt werden wollen, die Gerüche speichern und Kinder nachhaltig prägen.
Mineralische Beläge als eine Zementspachtelung (Pandomo) in stark frequentierten Erschließungsbereichen übersetzen Robustheit in Alltagstauglichkeit, farblich auf den Putz abgestimmt.
Akustisch wirksame Deckenoberflächen sorgen für Ruhe in den Aufenthaltsräumen.
Strukturglas, in den Türen zum Stiegenhaus schließenden Räumen, zu finden, lässt gerade genug Lichtdurchlässigkeit, um das Geschehen dahinter anzudeuten und unterstützt, farblich auf den Putz abgestimmt, die Orientierung im Gebäude.
Im gesamten Zusammenspiel entsteht eine ruhige, dauerhafte Innenwelt: Außen die robuste, geerdete Erscheinung, innen eine warme, greifbare Materialität, nicht als Bühne, sondern als tragender Hintergrund für Bildung, Spiel und Gemeinschaft.

In den Details verdichtet sich der Ortsbezug. Die Neuinterpretation des traditionellen Kreuzelstichs zieht sich wie ein leiser, aber konsequenter Faden durch das ganze Haus.
Ausgehend vom Dekorreichtum der Bauernhäuser wird das Motiv nicht nostalgisch zitiert, sondern funktional weiterentwickelt. Es nimmt Bezug auf die Geschichte, indem es zum Leitsystem wird, zur Wegbeschreibung und Gebäudeorganisation und zugleich als Orientierungshilfe. Es taucht auf als Identifikations- und Personifizierungssymbol in Garderobenschildern und Klassenbeschriftungen, setzt Akzente, lenkt Aufmerksamkeit und löst funktionale Aufgaben wie das Verkleiden von Haustechnik, etwa als Lüftungsauslässen im Deckenfries.
Wichtig ist das klar definierte, differenzierte Vorkommen: Der Kreuzelstich erscheint als Türdekor für Eingangstüren und Gruppenräume, als Muster der Lüftungsschlitze, in Deckengestaltungen und Oberlichtkuppeln, im Verlauf von Treppengeländern und in der Garderobensignaletik. Ornamentik wird so von der Zierde zur eigenen, ruhigen Sprache der Wertigkeit und Orientierung.
Die Eingangstür spielt dabei eine besondere Rolle. Als „Gesicht des Hauses“ nimmt sie die Analogie historischer Bauernhaustüren und ihrer Rautenmotive auf und übersetzt sie in eine zeitgenössische Form. An dieser Schwelle sind Robustheit nach außen und Wärme nach innen unmittelbar spürbar, ein Moment, in dem der Charakter des Hauses sich zeigt, bevor man es betritt.

Was drinnen beginnt, setzt sich im Freiraum fort. Die Außenanlagen sind als naturnahe Lern- und Bewegungslandschaft gedacht, die sich an verschiedenen Nutzungsgruppen orientiert.
Motorikspielgeräte, Balancier- und Schaukelangebote, Kletter- und Hangelmöglichkeiten, Sand- und Wasserspielflächen, Erlebniswege, natürliche Beschattung und naturnahe Bepflanzung werden nicht zufällig verteilt. Sie bilden eine Abfolge von „Orten“, die Bewegung, Aufenthaltsqualität und Naturkontakt miteinander verweben.
Dazu kommen bewusst mitgedachte saisonale Bilder: Im Winter wird aus einem Hang eine Rodelstrecke, im Sommer eine Wiese bespielt. So wird der Jahreslauf Teil der pädagogischen Erzählung: Kinder erleben ihren Außenraum in immer neuen Zuständen und lernen die Natur im Wandel kennen.

Hinter dem Gebäude steht eine Vielzahl von Händen und Köpfen. Handwerk ist in diesem Projekt nicht bloß die letzte Stufe nach dem Entwurf, sondern von Beginn an Teil der architektonischen Qualität.
Die konsequente Materialwahl: Regional bis lokal, roh, langlebig und die Übertragung des ornamentalen Leitmotivs in Bauteile und Oberflächen verlangen eine enge Zusammenarbeit mit regionalen bis lokalen Gewerken. Gleichzeitig braucht es Vertrauen und viel gemeinsames Abwägen an der Schnittstelle zum Bauherrn, der Gemeinde Kössen.
Der Entwurfsprozess wird so zur Teamarbeit: Nutzergespräche, Muster und Materialpräsentationen, gemeinsame Entscheidungen am Detail sichern, dass das Haus das bleibt, was es im Entwurf verspricht: Dauerhaft, alltagstauglich und tief im Ort verankert.

Das Bildungszentrum Kössen ist weit mehr als eine funktionale Infrastruktur für Unterricht und Betreuung. Es versteht sich als emotionaler Raum, der die ersten prägenden Jahre von Kindern und ihrer Eltern gleichermaßen begleitet.
Architektur wird hier nicht als starre Hülle begriffen, sondern als leiser, verlässlicher Begleiter. Ein Haus, das Sicherheit ausstrahlt, Neugierde weckt und Kinder über viele Jahre hinweg in ihrer Entwicklung begleitet. Für pedevilla Architekten ist ein Schulhaus ein Ort, an dem sich Werte, Gemeinschaft und kulturelles Bewusstsein formen.
Die Architektur soll Geborgenheit und Stabilität vermitteln, frei von kurzlebigen Moden, geprägt von Einfachheit, Wärme und Dauerhaftigkeit. Kinder, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, erfahren Architektur als kulturelle Qualität, als etwas, das ihren Blick auf Lernen, Zusammenleben und die Welt nachhaltig beeinflusst.
Das Bildungszentrum in Kössen versteht sich damit als Investition in die Zukunft der Gemeinde: Ein Haus, das nicht nur Bildung vermittelt, sondern Emotionen, soziale Kompetenz und kulturelle Identitäten stärkt — Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Foto © Gustav Willeit
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Año
2025
Project Status
Construido
Cliente
Gemeinde Kössen
Arbeitsgemeinschaft
gbd Holding ZT GmbH

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